Verwaltungsgerichtshof (VwGH)

Rechtssatz für Ro 2023/01/0005

Entscheidungsart

Erkenntnis

Dokumenttyp

Rechtssatz

Rechtssatznummer

4

Geschäftszahl

Ro 2023/01/0005

Entscheidungsdatum

12.03.2026

Index

E1P
E6J
19/05 Menschenrechte
41/03 Personenstandsrecht

Norm

MRK Art8
PStG 2013 §2 Abs2 Z3
12010P/TXT Grundrechte Charta Art7
62023CJ0004 M.-A. A. VORAB
62023CJ0247 VP VORAB
62024CJ0043 K. M. H. VORAB

Rechtssatz

Transsexualität/-identität/-gender - gebräuchlich ist weiters der Begriff "Geschlechtsinkongruenz" - bzw. die mit der rechtlichen Geschlechtsanerkennung in Zusammenhang stehenden Fragen haben, ebenso wie Intersexualität vergleiche zu dieser VfGH 15.6.2018, G 77 aus 2018, = VfSlg. 20.258), durch den österreichischen Gesetzgeber nach wie vor keine explizite Regelung erfahren vergleiche auf das Fehlen einer ausdrücklichen rechtlichen Regelung hinweisend bereits VwGH 30.9.1997, 95/01/0061; 27.2.2009, 2008/17/0054). Dies ungeachtet des Umstandes, dass nach der Rechtsprechung des EGMR eine solche Situation grundsätzlich der Pflicht des Staates widerspricht, schnelle, transparente und zugängliche Verfahren für die rechtliche Geschlechtsanerkennung bereit zu stellen ("State´s positive obligation to provide quick, transparent and accessible procedures for legal gender recognition"), zumal das Fehlen eines klaren Rechtsrahmens den innerstaatlichen Behörden einen übermäßigen Ermessensspielraum ("excessive discretionary powers") überlasse, der zu willkürlichen Entscheidungen führen könne vergleiche EGMR 1.12.2022, A.D. ua./Georgien, 57864/17 ua., Ziffer 73, 76,; vergleiche zum "need for appropriate legal measures" - in Bezug auf Intersexualität - auch EGMR 31.1.2023, Y/Frankreich, 76888/17, Ziffer 89,, mit dem Hinweis auf die "Beachtung des Prinzips der Gewaltentrennung, ohne das keine Demokratie existieren kann"; vergleiche weiters EGMR 19.1.2021, römisch zehn u Y/Rumänien, 2145/16 ua., Ziffer 146, 151,). Gleichzeitig betont der EGMR - vor dem Hintergrund, dass diesbezüglich kein Konsens unter den Konventionsstaaten besteht - den "erweiterten Ermessensspielraum" ("wider margin of appreciation") bei der Regelung dieser Fragen vergleiche abermals A.D. ua./Georgien, Ziffer 71,; Y/Frankreich, Ziffer 80,). Dem EGMR folgend hat auch der EuGH in seiner jüngeren Rechtsprechung ausgesprochen, dass die EU-Mitgliedstaaten nach Artikel 8, EMRK (bzw. Artikel 7, GRC) verpflichtet sind, ein klares und vorhersehbares Verfahren für die rechtliche Anerkennung der Geschlechtsidentität vorzusehen, das die Änderung ua. des Geschlechts in amtlichen Dokumenten auf schnelle, transparente und zugängliche Weise ermöglicht vergleiche EuGH 4.10.2024, M.-A. A., C-4/23 [Mirin], Rn. 66; vergleiche weiters EuGH 13.3.2025, VP, C-247/23 [Deldits], Rn. 47, sowie 12.3.2026, K.M.H., C-43/24 [Shipova], Rn. 51).

Gerichtsentscheidung

EuGH 62023CJ0004 M.-A. A. VORAB
EuGH 62023CJ0247 VP VORAB
EuGH 62024CJ0043 K. M. H. VORAB

European Case Law Identifier (ECLI)

ECLI:AT:VWGH:2026:RO2023010005.J04

Im RIS seit

21.04.2026

Zuletzt aktualisiert am

11.05.2026

Dokumentnummer

JWR_2023010005_20260312J04